Sufismus heute

Sufismus
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Der Sufismus (arabisch ‏تصوف‎ tasawwuf, DMG taṣauwuf, persisch ‏عرفان‎, Erfan), veraltet auch Sufitum oder Sufik, gilt allgemein als die islamische Mystik. Die Anhänger des Sufismus sehen ihre Lehre nicht als ein spirituelles Produkt der islamischen Religion, sondern er offenbart lediglich die esoterische Wahrheit des Islam. Ihren Anhängern zufolge zieht sich die Sufi-Lehre durch die gesamte Menschheitsgeschichte, und ist zu jeder Zeit und in jeder Kultur in verschiedenen Aspekten gegenwärtig.


Über die Jahrhunderte hinweg haben traditionelle Sufis in islamischen Ländern ihre Lehre in einen engen Zusammenhang mit der islamischen Tradition gebracht. Der Sufismus ist in ihren Augen somit Teil des Islam und nicht von ihm getrennt zu betrachten. Aus ihrer Sicht ist ein Sufi somit immer ein Muslim. Sufis finden sich jedoch in allen Religionen. Im Vordergrund steht immer die "Liebe" zu Gott.

Laut Idries Shah ist Sufismus zwar in allen Religionen präsent, doch bietet das semitische Sprachsystem die geeignetste Möglichkeit, sufistische Symbole in Schrift umzusetzen. Die grundsätzlichen Gedanken finden jedoch einen gleichen Nenner ("anguruzuminabstafil", was frei bedeutet: "Trauben (pers.) sind Trauben (türk.) sind Trauben (arab.)sind Trauben (griech.)). Dieser Ausspruch ist sehr gebräuchlich. Sinnbildlich geht es also offenbar immer um "des Pudels Kern". Einen Anhänger des Sufismus nennt man Sufi (arabisch ‏صُوفِيّ‎, DMG Ṣūfī) oder auch Derwisch (persisch ‏درویش‎ darwīsch).


Entwicklung

Der Sufismus wird manchmal mit dem Gnostizismus in Verbindung gebracht, wobei die Sufis eigentlich unabhängig von einer Religionszugehörigkeit sind und diese Bewegung schon weitaus älter ist als der geschichtliche Islam. Die Sufis selbst betonen jedoch, dass sich der Sufismus zu seiner vollen Blüte erst ab dem Auftreten des Propheten Mohammed entwickelt habe, und dass der Islam die besten metaphysischen Instrumente für die geistige und seelische Entwicklung des Menschen bereithalte.

Die ersten Sufis soll es nach muslimischer Tradition schon zu Lebzeiten des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert gegeben haben. Sie waren oft einzelne Asketen. Der bekannteste unter ihnen ist Uwais al-Qarani aus dem Jemen, der als Einsiedler in der Wüste lebte. Auf ihn soll der nach eigenem Anspruch älteste islamische Sufiorden Maktab Tarighat Oveyssi Shahmaghsoudi zurückgehen. Wissenschaftliche Belege für diese frühen Sufis gibt es jedoch nicht.

Ein sehr einflussreicher früher Sufi war der Asket Hasan al-Basri (642–728). Seine Vorstellung von einem spirituellen Leben waren: wenig Schlaf, sich weder über Hitze noch über Kälte zu beklagen, keinen festen Wohnsitz zu haben und stets zu fasten. Ebenfalls in der Stadt Basra (im heutigen Irak) lebte und wirkte Rabia al-Adawiyya (714 oder 717/718–801), eine der bedeutendsten weiblichen Sufi-Heiligen. Es wird angenommen, dass sie nie einen Lehrer hatte, und sie wird als eine „trunkene Gottesliebende“ bezeichnet, die als eine strenge Asketin lebte: zum Trinken und für ihre rituellen Waschungen soll sie einen zerbrochenen Krug, eine alte Schilfrohrmatte zum Liegen und einen Flussstein als Kopfkissen verwendet haben.

Im 9. Jahrhundert war Dhu'n-Nun al-Misri (gestorben 859) einer der ersten Sufis, der eine Theorie über „Fana“ (arab. für Auflösung) und „Baqa“ (arab. für Bestehen) entwickelte, eine Lehre über die Vernichtung bzw. Auflösung des Selbst (nafs). Außerdem formulierte er die Theorie von Ma'rifa (intuitive Gotteserkenntnis). Durch seine poetischen Gebete führte er einen neuen Stil in die ernste und asketische Frömmigkeit der damaligen Sufis ein. Er vernahm – dem koranischen Wort getreu – aus allem Geschaffenen den Lobpreis Gottes und beeinflusste so die späteren Naturschilderungen persischer und türkischer Sufis.
Bayazid Bistami (803-875), aus Bistam im heutigen Iran, hielt vor allem die Liebe für das Wichtigste, um die Einheit mit Gott zu erreichen. Darüber hinaus erlangte er den Zustand von absolutem Einssein mit dem Schöpfer durch strenge Selbstkasteiung und Entbehrungen. Andererseits war ihm jedoch bewusst, dass er paradoxerweise alle seine Bemühungen aufgeben musste, denn er sagte, er erreiche Gott nur allein mit Gottes Hilfe. Er legte seinen Schülern nahe, ihre Angelegenheiten in die Hände Gottes zu geben, und er ermutigte sie, die reine Lehre der Einheit Gottes zu akzeptieren. Diese Lehre bestand aus fünf Merkmalen: die Verpflichtungen entsprechend dem Koran und der Sunna einzuhalten, immer die Wahrheit zu sprechen, das Herz frei von Hass zu halten und verbotene Nahrung und Erneuerungen zu meiden.

Einen eher nüchternen Weg des Sufismus vertrat Dschunaid (gest. 910) aus Bagdad, welches zur damaligen Zeit als ein religiöses und spirituelles Zentrum galt. Er hatte durch seine Lehre einen großen Einfluss auf spätere Sufis, er betonte die Liebe, die Vereinigung und die Übergabe des individuellen Willens an den Willen Gottes. Zur damaligen Zeit betrachtete die islamische Orthodoxie bereits die Aktivitäten der Sufis mit wachsendem Misstrauen, aus diesem Grund lehnte Dschunaid seinen Schüler Mansur al-Halladsch (858–922), ebenfalls ein Perser, ab, der die Geheimnisse des Sufipfades in aller Öffentlichkeit aussprach. Von diesem stammt einer der bekanntesten Aussprüche eines Sufis: „ana al-Haqq“. Dieser Ausspruch lautet übersetzt „Ich bin die Wahrheit“, wobei Haqq nicht nur Wahrheit bedeutet, sondern auch einer der Namen Gottes ist. Somit kann man auch übersetzen: „Ich bin Gott“. Dies und sein provokantes Auftreten waren einige der Gründe, warum al-Halladsch schließlich als erster Sufi-Märtyrer hingerichtet worden ist.

Neben anderen Sufis hat wohl Rumi am besten zum Ausdruck gebracht, dass „ana al-Haqq“ die konsequenteste Auslegung von der Einheit Gottes ist. Hätte al-Halladsch gesagt „Er ist Gott“, dann hätte dies zwangsläufig zu einer Dualität geführt, da es dann nicht nur Gott, sondern auch einen zweiten gegeben hätte, nämlich al-Halladsch, der dies äußert.

Ein wichtiger Vertreter des Sufismus ist al-Ghazali (gest. 1111), auch er ein Perser, der einer der ersten war, der seine Ideen zu einem mystischen System ordnete. Der ursprüngliche Rechtsgelehrte erkannte eines Tages, dass er nur durch eine der Welt entsagende Lebensweise wirklich zu Gott finden könne. Er gab deshalb seinen Lehrstuhl  an der Universität in Bagdad auf, um als wandernder Derwisch viele Jahre in der Abgeschiedenheit zu verbringen. Er hinterließ der Welt zahlreiche religiöse und spirituelle Schriften und schaffte es sogar, für eine Zeit lang die Orthodoxie mit dem Sufismus ein wenig zu versöhnen und beide Systeme aneinander anzunähern. Durch Abmilderung des radikalen Asketismus der frühen Sufis und Systematisierung des sufistischen Gedankenguts trug al-Ghazali maßgeblich zur allgemeinen Anerkennung des Sufismus im Islam bei. Er lehnte eine starre Dogmatik ab und lehrte den Weg zu einem Gottesbewusstsein, das aus dem Herzen entspringt. Ein zentraler Punkt bei al-Ghazali ist die Arbeit am „feinstofflichen Herzen“. Der Lehre al-Ghazalis gemäß besitzen die Menschen in ihrer Brust ein „feinstoffliches Herz“, das in der Welt der Engel beheimatet ist. Dieses Organ ist in der grobstofflichen Welt im Asyl und weist den Menschen den Weg ins Paradies zurück.

Ebenso bedeutend wie al-Ghazali ist Ibn Arabi (1165-1240), der etwa ein halbes Jahrhundert nach al-Ghazalis Tod in der spanischen Stadt Murcia geboren wurde. Ibn Arabi ist Autor etwa 500 wichtiger sufistischer Schriften; man sagt, er habe keinen spirituellen Lehrer gehabt, sondern sei von dem verborgenen Meister Khidr direkt in den mystischen Islam initiiert worden. Ibn Arabi wird auch als der „Sheikh al-akbar“ („der größte Sheikh“) bezeichnet, wobei seine Ideen über „wahdat al-wudschud“, der Einheit des Seins, schon vor ihm Teil der Sufi-Metaphysik war. Doch er formulierte diese Ideen als erster in schriftlicher Form, wodurch sie der Nachwelt und späteren Sufis gut erhalten blieben. Demnach hat Gott die ganze Welt als eine einzige zusammenhängende Einheit geschaffen, damit sie den höchsten Schöpfer preise und erkenne. In seinem Werk „Fusus Al-Hikam“ zeichnet Ibn-Arabi eine metaphysische Genealogie, in der die 28 namhaft im Koran erwähnten Propheten dazu beitragen, das mystische Bewusstsein der Menschen zu wecken. Dieser Gedanke wurde im 19. und 20. Jahrhundert von westlichen esoterischen Autoren wie Madame Blavatsky und Rudolf Steiner wieder aufgegriffen. Danach sind die bedeutenden Religionsgestalten der Menschen auch Lichtgestalten, die das Bewusstsein der Menschen formen.

Die poetischen Werke Fariduddin Attars (1136-1220) sind im Westen nicht sehr bekannt, jedoch nimmt seine Dichtung über Jahrhunderte hinweg Einfluss auf einige Mystiker sowohl östlicher als auch westlicher Herkunft. Außerdem gilt er als einer der wichtigsten Figuren des Sufismus. Er wirft ein neues Licht auf die Lehre, indem er wie niemand vor ihm den Pfad mit der Kunst eines Geschichtenerzählers beschreibt.

Eines der berühmtesten seiner 114 Werke ist das Mantiq ut-tair („Die Vogelgespräche“). Dieses Epos berichtet von dreißig Vögeln, die eine Reise durch sieben Täler zum Vogelkönig, dem Simurgh, unternehmen. Letztendlich erkennen die Vögel im König ihre eigene Identität; Attar benutzt hier ein Wortspiel, denn der Name des Vogelkönigs bedeutet simurgh, dies ist eine Sagengestalt, vermutlich der Phönix. Wenn man den Namen aber si murgh schreibt, wird hieraus „dreißig Vögel“.

Es wird heutzutage von den meisten Historikern angenommen, dass die erste Sufi-Ordensgemeinschaft (Tariqa) im 12. Jahrhundert von Abd al-Qadir al-Dschilani (1088 oder 1077–1166) gegründet wurde, die deshalb auch den Namen Qadiri-Tariqa trägt. Kurz darauf entstanden die Yesevi- und die Rifai-Tariqa. Später entwickelten sich weitere Tariqas, von denen viele größtenteils noch heute existieren, einige jedoch nicht mehr im Blickpunkt des öffentlichen Lebens. Die Zentren bzw. Versammlungsorte der Orden nennt man Khanqah (persisch ‏خانگاه‎ chānegāh und ‏خانقاه‎ chāneghāh), Dergah (persisch ‏درگاه‎ dargāh „Türschwelle“, „Palast“; osmanisch dergâh auch Derwischkonvent), Tekke (osmanisch ‏تكيه‎ tekke, tekye) oder Zawiya (arabisch ‏زاوية‎ zāwiya pl. ‏زوايا‎ zawāyā). Manchmal ist auch von Konventen oder Klöstern die Rede, man kann aber eine Tekke nicht mit der christlichen Vorstellung eines Klosters vergleichen.

Eine der bekanntesten Tariqas ist die der Mevlevis, die auf den Sufipoeten Dschalal ad-Din Rumi zurückgeht. Seine Werke sind alle in persischer Sprache verfasst. Die Derwische dieses Ordens praktizieren den Dhikr mit religiöser Musik und drehen sich dabei um die eigene Achse. Dieses Ritual ist im Westen als „Derwischtanz“ (sema) oder „Tanz der drehenden Derwische“ bekannt.

Weitere bekannte und große Sufi-Orden neben den bereits genannten sind Naqschbandi, Bektaschi, Kubrawi, Suhrawardi, Chishti oder Halveti. Diese Orden sind darüber hinaus in zahlreiche Unterverzweigungen gegliedert und haben manchmal auch Überschneidungen untereinander.

Der Sufismus ist in den Augen der Sufis immer lebendig geblieben und hat seine Dynamik bewahrt, weil er sich stets den Zeiten anpasst und sich dementsprechend wandelt. Gleichzeitig bleibt er aber der Essenz der Tradition treu, die die innere Ausrichtung des Herzens auf Gott sowie das Aufgeben des Egos ist. Da Gesellschaften und Kulturen sich ständig weiterentwickeln und verändern, antwortet auch der Sufismus äußerlich gesehen auf diese Veränderungen. Hierzu ein Zitat:

„Sufismus ist die alte Weisheit des Herzens. Er ist nicht durch Form, Zeit oder Raum begrenzt. Er war immer und wird immer sein.“

Lehre

Es gibt Sufi-Orden, die als sunnitisch oder schiitisch klassifiziert werden können, aber auch solche, die beiden, und andere, die keiner der beiden islamischen Richtungen zuzuordnen sind. Diese stellen einen separaten Bereich des muslimischen Glaubens dar und lehren meist einen „universellen Sufismus“. Die meisten Sufis bewegen sich aber innerhalb des orthodoxen Islams von Sunna und Schia und sind somit entweder Sunniten oder Schiiten, wobei die meisten Tariqas mit dem sunnitischen Islam in Verbindung gebracht werden (z.B. Naqshbandi, Qadiri) und nur wenige mit dem schiitischen Islam.

Der Weg der Sufis folgt vier Stufen, deren Ausprägung auf den indischen Raum verweist; bis heute ist jedoch offen, wie und in welche Richtung diese Beeinflussung historisch verlief:

• Auslöschen der sinnlichen Wahrnehmung
• Aufgabe des Verhaftet-Sein an individuelle Eigenschaften
• Sterben des Ego
• Auflösung in das göttliche Prinzip

Das oberste Ziel der Sufis ist, Gott so nahe zu kommen wie möglich und dabei die eigenen Wünsche zurückzulassen. Dabei wird Gott bzw. die Wahrheit als „der Geliebte“ erfahren. Der Kern des Sufismus ist demnach die innere Beziehung zwischen dem „Liebenden“ (Sufi) und dem „Geliebten“ (Gott). Durch die Liebe wird der Sufi zu Gott geführt, wobei der Suchende danach strebt, die Wahrheit schon in diesem Leben zu erfahren und nicht erst auf das Jenseits zu warten. Dies spiegelt sich in dem Prinzip zu sterben, bevor man stirbt wider, das überall im Sufismus verfolgt wird. Hierzu versuchen die Sufis, die Triebe der niederen Seele bzw. des tyrannischen Ego (an-nafs al-ammara) so zu bekämpfen, dass sie in positive Eigenschaften umgeformt werden. Auf diese Weise kann man einzelne Stationen durchlaufen, deren höchste die reine Seele (an-nafs al-safiya) ist. Diese letzte Stufe bleibt jedoch ausschließlich den Propheten und den vollkommensten Heiligen vorbehalten.
Die mystische Gotteserfahrung ist der Zustand des Einsseins (tauhid) mit Gott, die sogenannte „unio mystica“.

Dazu ein Zitat von Abu Nasr as-Sarradsch, einem Zeitgenossen des bekannten islamischen Mystikers Dschunaid:

„Sufismus bedeutet, nichts zu besitzen und von nichts besessen zu werden.“

Oder eine etwas ausführlichere Beschreibung von Abu Sa’id:

„Sufismus ist Ruhm im Elend, Reichtum in der Armut, Herrschaft in Dienstbarkeit, Sättigung im Hunger, Leben im Tode und Süße in der Bitterkeit … Der Sufi ist der, der mit allem zufrieden ist, was Gott tut, so dass Gott mit allem zufrieden ist, was er tut.“

Ein wichtiger Aspekt der sufistischen Lehre ist außerdem, dass man die Wahrheit erfährt und nicht nur intellektuell erfasst. Gemäß dem Grundsatz „Den Glauben sieht man in den Taten“ ist es für die Sufis entscheidend, oft eher mit gutem Beispiel in der Welt aufzutreten als über den Glauben zu reden. Darüber hinaus ist „Aufrichtigkeit“ unentbehrlich,  man sollte versuchen, nach außen hin so rein zu werden, wie man es auch nach innen hin anstrebt.

Viele Sufis, so sie nicht Anhänger einer strengen Scharia sind, glauben, dass in allen Religionen eine grundlegende Wahrheit zu finden sei, und dass die großen Religionen von ihrem Wesen/Geist her dasselbe seien. Manche Sufis gehen deswegen sogar so weit, dass sie den Sufismus nicht innerhalb des Islams (also einer Religion) angesiedelt sehen, sondern sagen, dass die Mystik über der Religion stehe, ja diese sogar bedinge.

Das Verhältnis Sufismus zu  Religion lässt sich wie folgt kurz erklären:

Nach islamischem Verständnis hat Gott die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten angesprochen und sich durch Propheten geoffenbart. Dadurch entstanden göttliche Religionen. Als charakteristisches Merkmal dieser Religionen gelten von Gott herab gesandte Anweisungen zur Lebensführung.

Der mystische Weg verläuft in umgekehrter Richtung. Er geht vom Menschen zu Gott. Wenn der Mensch anfängt Gott zu suchen, betritt er den mystischen Pfad. Auf ihm ist die Befolgung der göttlichen Regeln frei jedes Zwanges: Innerer Antrieb und  Freude an der religiösen Praxis verschmelzen hier mit dem Wortlaut der Regel. So wandelt sich etwa der äußere Pflichtcharakter des Gebets in einen Ausdruck der spirituellen Reifung.

Mystik ist eine eigene Anschauungsweise auf das Leben, die Realitäten hinterfragt und scheinbare Nicht-Realitäten in ihrer Realität erfasst. Der Blickwinkel eines Mystikers  gleicht dem eines Menschen, der von dem Gipfel eines hohen Berges herab die Welt betrachtet. Von dieser Warte aus ähneln sich die Menschen untereinander, Unterschiede verschwimmen.  Alle, unabhängig von  Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Alter oder Körpergröße, bewegen sich wie kleine Lebewesen. Sie erscheinen dem Mystiker wie Kinder.
Für den Mystiker ist Gott Quelle und Ziel für alle. Gott ist kein Abstraktum, sondern wirklich. Seine Erkenntnis ist nicht eine Frage des Wissens, sondern des Seins. Für den Mystiker ist Gott stepping stone der Selbst-Realisierung. ER ist die Tür, Eingang zum Paradies. Gott ist der Schlüssel, mit dem der Mystiker die Geheimnisse der Welt öffnet. ER ist die Antwort auf die Frage, woher der Mensch kommt, wo er zu Hause ist und wohin er wieder zurückkehrt.
 
Wie schon angedeutet, gibt es für den Mystiker allein einen Gott und eine Wahrheit. Diese sind unteilbar. Religiöse Attribute drücken eine Vorläufigkeit aus. Gibt sich jemand als ein christlicher oder ein jüdischer oder ein muslimischer Mystiker zu erkennen, so ist dies ein Anzeichen dafür, dass er den mystischen Weg noch nicht zu Ende beschritten hat. Denn dort sind Religionsgrenzen in der inneren Erfahrung über¬wunden. So sind mystische Sekten innerhalb einer Religion in der gleichen Weise Zei¬chen ihrer Unvollkommenheit wie die Festschreibung von Unterschieden zwischen den Religionen. All dies gehört der Erfahrung der äußeren Welt an. Die eigentliche Bedeutung von Religion liegt ebenso wie die von Mystik oder Weisheit jenseits religi¬öser und kulturspezifischer Trennlinien.

Der Weg des Derwischs

Der Begriff Derwisch leitet sich her vom persischen Wort dar („Tor“, „Tür“), ein Sinnbild dafür, dass der Bettler von Tür(schwelle) zu Tür(schwelle) wandert. In der sufistischen Symbolik bedeutet dies auch die Schwelle zwischen dem Erkennen der diesseitigen irdischen (materiellen, siehe auch dunya) und der jenseitigen göttlichen Welt.

Die volle persische Übersetzung für Derwisch (persisch ‏درويش‎ darwīsch) ist „Bettler“. Dabei ist es aber nicht unbedingt wörtlich zu nehmen, dass jeder Sufi ein Bettler sei; sondern dieser Begriff dient auch als Symbol dafür, dass derjenige, der sich auf dem Weg des Sufismus befindet, seine eigene „Armut gegenüber Gottes Reichtum“ erkennt. Auf dem Weg eines Derwischs gibt es folgende Stationen, die er zu meistern versucht:

• Schari'a  -  islamisches Gesetz
• Tariqa     - der mystische Weg
• Haqiqa   -  Wahrheit
• Ma'rifa   - Erkenntnis (In der Alevi-Bektaschi-Glaubenslehre kommt Ma'rifa vor Haqiqa.)

Die Sufis sehen diese Stationen auch als „Türen“ auf dem Weg zu Gott, die sich aber nicht neben-, sondern hinter-, oder besser noch „ineinander“ befinden. Man muss also erst eine Tür durchschritten haben, bevor man daran arbeiten kann, die nächste in Angriff zu nehmen.

Ibn Arabi beschreibt die vier Stationen folgendermaßen: Auf dem Niveau von Schari'a gibt es „dein und mein“. Das heißt, dass das religiöse Gesetz individuelle Rechte und ethische Beziehungen zwischen den Menschen regelt. Auf dem Niveau von Tariqa „ist meins deins und deins ist meins“. Von den Derwischen wird erwartet, dass sie sich gegenseitig als Brüder und Schwestern behandeln, den jeweils anderen an seinen Freuden, seiner Liebe und seinem Eigentum teilhaben lassen. Auf dem Niveau der Wahrheit (Haqiqa) gibt es „weder meins noch deins“.

Fortgeschrittene Sufis erkennen, dass alle Dinge von Gott kommen, dass sie selbst nur die Verwalter sind und in Wirklichkeit nichts besitzen. Diejenigen, die die Wahrheit erkennen, interessieren sich nicht für Besitz und Äußerlichkeiten im Allgemeinen, Bekanntheit und gesellschaftlichen Stand inbegriffen. Auf dem Niveau der Erkenntnis (Ma'rifa) gibt es „kein ich und kein du“. Der einzelne erkennt, dass nichts und niemand von Gott getrennt sind. Dies ist das oberste Ziel des Sufismus.

Der Sheikh

In der sufistischen Tradition ist es wichtig, dass das Wissen durch eine „lebendige Linie“ übertragen wird. Deswegen ist es für einen Derwisch unerlässlich, sich der geistigen Führung eines Sheikh bzw. Murshid (Lehrer) anzuvertrauen, der durch eine Überlieferungskette (Silsila) bis über den Propheten Mohammed mit der göttlichen Wissensquelle verbunden ist. Die Funktion des Sheikh ist nicht zuletzt deshalb unerlässlich, weil die Sufis selber um die Gefahren egoistischer Täuschungen wissen. Hierzu ein Zitat von Abu Saíd:

„Es ist leichter, einen Berg an einem Haar herumzuschleppen, als sich mit eigener Kraft aus sich selbst zu befreien“

Der Sheikh leitet in gemeinsamen Zusammenkünften mit seinen Derwischen nicht nur den Dhikr, sondern er gibt jedem seiner Schüler meist auch individuelle spirituelle Übungen, die dem Stand des einzelnen Derwischs entsprechen.

Entgegen der Meinung von Sufismus-Kritikern wird ein authentischer Sheikh nie die Personenverehrung fördern. Er zieht zwar als Lehrer die Aufmerksamkeit auf sich, aber dann wird er von sich weg, hin zum Ewigen, zu Allah weisen. Es ist deshalb die Aufgabe des Sheikhs zu verhindern, dass der Schüler sich dem Ego (vgl. nafs) oder der Persönlichkeit des Lehrers hingibt.

Der Weg  / Der Pfad

Im Sufismus wird oft das Symbol der Rose gebraucht. Diese stellt die oben genannten Stufen auf dem Weg eines Derwischs folgenderweise dar: Die Dornen stehen für die Schari'a, das islamische Gesetz, der Stängel ist Tariqa, der Weg. Die Blüte gilt als Symbol für Haqiqa, der Wahrheit, die schließlich den Duft, Ma'rifa, die Erkenntnis, in sich trägt.

Hierbei lässt sich folgende Sichtweise der Sufis erkennen: Die Dornen schützen den Stängel, ohne sie könnte die Rose leicht von Tieren angegriffen werden. Ohne den Stängel haben die Dornen alleine aber auch keinerlei Bedeutung; man sieht hier also deutlich, dass die Sufis Schari'a und Tariqa unbedingt als zusammengehörig betrachten. Der Stängel ohne Blüte wäre nutzlos, und auch eine Blüte ohne Duft hätte keinen Zweck. Der Duft alleine ohne die Rose hätte aber ebenfalls keine Möglichkeit zu existieren.

Die Liebe

Der Mittelpunkt der sufistischen Lehre ist die Liebe (arabisch hubb, 'ischq, mahabba), die immer im Sinne von „Hinwendung (zu Gott)“ zu verstehen ist. Die Sufis glauben, dass sich die Liebe in der Projektion der göttlichen Essenz auf das Universum ausdrückt. Dies lässt sich oftmals in den „berauschten“ Gedichten vieler islamischer Mystiker erkennen, die die Einheit mit Gott und die Gottesliebe besingen. Da diese poetischen Werke meist mit Metaphern durchsetzt sind, wurden sie in der Geschichte oft von islamischen Rechtsgelehrten argwöhnisch betrachtet. In ihren Augen haben sie ketzerische Aussagen, wenn beispielsweise der Suchende vom „Wein“ berauscht ist; wobei in der Symbolik des Sufismus der Wein für die Liebe Gottes steht, der Sheikh für den Mundschenk und der Derwisch für das Glas, das mit der Liebe gefüllt wird, um zu den Menschen getragen zu werden.

Al-Ghazali bezeichnet die Liebe zu Gott als die höchste der Stationen und sogar als das eigentliche Endziel der Stationen auf dem Weg zu Gott. Er sagt, dass nur Gott allein der Liebe würdig ist; die Liebe zu Muhammad nennt er jedoch als lobenswert, weil sie nichts anderes ist, als die Liebe zu Gott. Die Liebe zu den Gottesgelehrten und Frommen erwähnt er ebenfalls als lobenswert, denn „man liebt diejenigen, die den Geliebten lieben“.

Isa bin Maryam (Jesus von Nazareth) wird im Islam als der Prophet der Liebe gesehen. Deshalb wird er oft auch als der Prophet der Sufis bezeichnet.

Dhikr

Die Sufis suchen durch tägliche regelmäßige Meditation (Dhikr, das bedeutet „Gedenken“, also „Gedenken an Gott“, bzw. Dhikrullah) Gott nahe zu kommen oder mit Gott schon im irdischen Leben eins zu werden. Letzteres wird vom orthodoxen Islam und der ihr eigenen islamischen Rechtsprechung (Fiqh) zumindest kritisch betrachtet, wenn nicht gar als Gotteslästerung verdammt.

Die Sufis sind aber auch andererseits oft dieser konservativen, manchmal verknöcherten, islamischen Rechtswissenschaft gegenüber kritisch eingestellt. Mansur al-Halladsch, der mit Gott so eins geworden zu sein glaubte, dass er sagte: Ana al-Haqq („Ich bin die Wahrheit“), wurde von der Orthodoxie als Ketzer verdammt und öffentlich hingerichtet.

Kommen Sufis einem solchen Zustand nahe, geraten sie oft in Trance, wobei dies lediglich ein Nebeneffekt ist und nicht, wie manchmal angenommen, das Ziel des Dhikr. Einige wenige Sufigemeinschaften vollziehen in Trance verletzende Handlungen, wie etwa das Durchstechen der Wangen bei den Rifai-Derwischen, womit das vollkommene Vertrauen in Gott demonstriert werden soll. Ein weiteres bekanntes Beispiel für Trancezustände bei Sufis sind die so genannten drehenden Derwische der Mevlevi-Tariqa aus Konya in der heutigen Türkei, die sich während ihres Dhikr (Sema) um ihre eigene Achse drehen und dadurch in Trance geraten.

Der Sufismus bietet also dem Suchenden nicht zuletzt durch den Dhikr eine Möglichkeit, das Göttliche in sich zu finden, bzw. wiederzuentdecken. Die Sufis glauben, dass Gott in jeden Menschen einen göttlichen Funken gelegt hat, der im tiefsten Herzen verborgen ist. Gleichzeitig wird dieser Funke auch durch die Liebe zu allem, was nicht Gott ist, verschleiert, genauso wie durch die Aufmerksamkeit gegenüber den Banalitäten der (materiellen) Welt, sowie durch Achtlosigkeit und Vergesslichkeit.

Laut dem Propheten Muhammad sagt Gott zu den Menschen:

„Es gibt siebzigtausend Schleier zwischen euch und Mir, aber keinen zwischen Mir und euch.“

Die „Vervollkommnung des Dhikr“ ist seit je her ein hohes Ziel bei den Sufis gewesen und es wird angestrebt, den Dhikr immerwährend zu wiederholen, sodass er selbst inmitten aller anderen (weltlichen) Aktivitäten weiter im Herzen fortfährt. Dies entspricht einem „ununterbrochenen Bewusstsein der Gegenwart Gottes“. Letzteres wird „Dhikr des Herzens“ genannt, während die nach außen hörbare Form als „Dhikr der Zunge“ bezeichnet wird.

Während des Dhikr rezitieren die Sufis bestimmte Stellen aus dem Koran und wiederholen eine bestimmte Anzahl der göttlichen Attribute (im Islam neunundneunzig). Ein Dhikr, das bei allen Sufis angewandt wird, ist das Wiederholen des ersten Teils der Schahada („Glaubensbekenntnis“) La ilaha il-Allah, zu Deutsch „Es gibt nur einen Gott“ oder genauer „Es existiert keine Macht außer Allah, die es Wert ist angebetet zu werden, außer Allah“. Darüber hinaus kennen die meisten Orden ein wöchentliches Zusammentreffen, bei dem neben der Pflege der Gemeinschaft und dem gemeinsamen Gebet ebenfalls ein Dhikr ausgeführt wird. Je nach Orden kann dieser Dhikr auch Musik, bestimmte Körperbewegungen und Atmungsübungen beinhalten.

Sufi-Geschichten

Ein wichtiger Bestandteil des Sufismus sind die Lehrgeschichten, die die Sheikhs immer und immer wieder ihren Derwischen erzählen. Dabei kann man sie in drei verschiedene Kategorien unterscheiden:

• Geschichten, die sich mit dem Verhältnis des einzelnen zu sich selbst und seiner individuellen Entwicklung befassen.
• Geschichten, die das Verhältnis zur Gesellschaft und zu anderen Menschen behandeln.
• Geschichten, die sich mit der Beziehung zu Gott befassen.
 
Es handelt sich hier oft um scheinbar einfache Geschichten, deren tiefere Bedeutung aber für den Derwisch sehr fein und tiefgründig sein kann. Dabei ist es nicht unbedingt von großer Bedeutung, ob der Schüler die Essenz der Geschichte bis in das letzte Detail versteht, denn das Lernen findet nicht nur auf der Verstandesebene statt. Analog hierzu wird die Wirkungsweise oft mit der von Medikamenten verglichen, wobei der Patient auch nicht die chemische Zusammensetzung der Medizin kennen oder verstehen muss, um durch diese geheilt werden zu können.

Die im Westen bekanntesten Lehrgeschichten sind beispielsweise die von Nasruddin Hodscha (auch Mullah Nasruddin), die meistens als Anekdoten oder einfache Witze missverstanden werden.

Ein Beispiel: Nasruddin setzt einen Gelehrten über ein stürmisches Wasser. Als er etwas sagt, das grammatikalisch nicht ganz richtig ist, fragt ihn der Gelehrte:

„Haben Sie denn nie Grammatik studiert?“
„Nein.“
„Dann war ja die Hälfte Ihres Lebens verschwendet!“
Kurz darauf dreht sich Nasruddin zu seinem Passagier um:
„Haben Sie jemals schwimmen gelernt?“
„Nein. Warum?“
„Dann war Ihr ganzes Leben verschwendet – wir sinken nämlich!“

Anhand dieser Geschichte wollen Sufis verdeutlichen, dass der Sufismus kein theoretisches Studium sei, sondern ausschließlich durch praktisches Handeln gelebt werden kann. Analog dazu sagen sie, dass es zwar viele Bücher über den Sufismus gibt; den Sufismus in den Büchern zu finden sei aber unmöglich. Analog dazu betrachten die Sufis einen Religionsgelehrten, der sein Wissen nicht praktiziert, als einen Esel, der eine schwere Last an Büchern trägt, die ihm aber nichts nützen, weil er schließlich nichts damit anfangen kann.

Ein weiteres Beispiel: Man sah Rabi'a in den Straßen von Basra, mit einem Eimer in der einen Hand und einer Fackel in der anderen. Gefragt, was das bedeute, antwortete sie:

„Ich will Wasser in die Hölle gießen und Feuer ans Paradies legen, damit diese beiden Schleier verschwinden. Und niemand mehr Gott aus Furcht vor der Hölle oder in Hoffnung aufs Paradies anbete. Sondern einzig und allein aus Liebe zu ihm.“

Sufi-Musik

In vielen Tariqas ist auch die Praxis der Musik üblich, die oft nur aus Gesängen besteht, in anderen Tariqas aber auch instrumental begleitet wird. Die Musik ist ein Bestandteil des Dhikr, denn in den Liedern werden entweder die Namen Gottes rezitiert, oder die Liebe zu Gott beziehungsweise zum Propheten Mohammed besungen.
Einfluss auf den Westen

Die Auswirkungen des Sufismus blieben nicht nur auf die muslimische Welt beschränkt. Einflüsse hatte er unter anderem auf die Weltliteratur, die Musik und auf viele Kulturen Süd- und Osteuropas. So wurden beispielsweise Konzepte wie das der romantischen Liebe und der Ritterlichkeit vom Westen übernommen, als Europa mit den Sufis in Kontakt kam. Auch der spanische Arabist Miguel Asín Palacios erkannte während seiner Forschungen den enormen Einfluss des Gedankenguts der islamischen Mystiker auf die westliche Kultur. Viele Werke der westlichen Literatur zeigen einen Einfluss von Sufi-Geschichten. So bestätigte Cervantes selbst, dass sein Don Quijote sufistische Wurzeln hat.

Die Entwicklung der europäischen Theosophie war teilweise auch durch den Kontakt mit dem Sufismus geprägt. Das arabische Wort tasawwuf wird von den Theosophen auch als eine arabisierte Form des griechischen „Theosophie“ erklärt.

Für die Beliebtheit sufistischen Gedankengutes, das für die Bedürfnisse der westlichen Suchenden umgedeutet und angepasst wurde, lässt sich die Arbeit des indischen Musikers und Mystikers Hazrat Pir-o-Murshid Inayat Khan  nennen.

Hazrat Pir-o-Murshid Inayat Khan wurde am 5. Juli 1882 in der indischen Stadt Baroda geboren. Seine hochangesehene Familie war durchdrungen vom Geist mystischer Religiosität und von der Liebe zur klassischen indischen Musik. Das Haus seines Vaters und das seines Großvaters, Maula Baksh, waren Orte der Begegnung von Mystikern, Musikern und Gelehrten. Maula Baksh, der als der größte Musiker Indiens seiner Zeit galt, hatte einen großen Einfluss auf seinen Enkel und Schüler. Inayat Khan war von Kind auf in Kontakt mit der geistigen Tradition des Islam wie des Hinduismus. Freundliche Toleranz über alle konfessionellen Grenzen hinweg war dabei wesentlicher Kern.

Inayat Khan bildete sich in der klassischen indischen Musik aus; er wurde zu einem Meister des Gesanges und des Spiels auf der Vina und sang an vielen Orten Indiens. Der Maharadscha von Hyderabad war so tief von seinem inspirierenden Gesang und der mystischen Bedeutung der Liedtexte berührt, dass er den noch jungen Musiker hoch ehrte und beschenkte.

Inayat Khan lernte im Hause eines Freundes Abu Hashim Madani - ein damals bedeutsamer Chishti Scheich - kennen, der ihm schon bei ihrer ersten Zusammenkunft die Initiation erteilte. Er blieb bis 1908 in Hyderabad. In jener Zeit schrieb er zu Ehren seines Lehrers eine große Zahl von Gedichten, von denen einige erhalten geblieben sind. Dann begab sich Inayat Khan auf eine zweijährige Pilgerschaft durch Indien, um zum einen zahlreiche Musikveranstaltungen abzuhalten, zum anderen, um mit Meistern der Chishtiyya zusammenzutreffen. Am 13. September 1910 verließ er sein Heimatland Indien, um in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern und dort seine Musik und seine Lehre bekannt zu machen.

Auf seinem Weg in den Westen wurde er von seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Maheboob Khan und seinem Cousin und lebenslangen Gefährten Mohammad Ali Khan begleitet. Beide gaben eine vielversprechende Musikkarriere in Indien auf, um Inayat als Schüler nahe zu sein. Sechs Monate später, nachdem sie in die USA eingereist waren, folgte der jüngste Bruder Inayat Khans, Musharaff, Ihnen nach. Mit der klassischen indischen Musik öffnete er die Herzen vieler Menschen für die Sufi-Botschaft von der alles umfassenden Harmonie und der alle konfessionellen Grenzen überschreitenden Einheit. Er war der erste bedeutende Sufilehrer, der in den Westen kam und der bald viele Schüler ("Murids") gewann. Er wurde der Begründer und das geistige Oberhaupt (Pir-o-Murshid) der Sufi-Bewegung und ihres spirituellen Kerns, des Sufi-Ordens.

Im Herbst 1926 reiste Hazrat Inayat Khan zum ersten Mal wieder nach Indien. Am 5. Februar 1927 erlag er in Neu-Delhi, wo auch sein Dargah errichtet wurde, einem Fieber.

Sein Bruder Maheboob Khan wurde der Nachfolger und führte die Sufi Bewegung bis 1948. Nach Shaikh ul Mashaik Maheboob Khan war Pir o Murshid Mohammad Ali Khan der Haupt der Sufi Bewegung. Murshid Musarraf Khan übernahm die Führung nach 1959. Heute wird die Sufi Bewegung von Hazrat Inayat Khan von seinem Sohn Pir o Murshid Hidayat Khan geführt.

Der ein Jahr älterer Sohn Pir Vilayat Khan gründete in den 60er Jahren in USA  den Sufi Orden International. Pir Zia ist heute das Oberhaupt des Sufi Orden International, der sich als zweite  Sufi Linie von Hazrat Inayat Khan  gebildet hat.

Hazrat Inayat Khans Sichtweise ist geprägt von seiner umfassenden Freundlichkeit und Toleranz, seiner Verehrung und Liebe zu allen Meistern, Heiligen und Propheten der Menschheit und seinem Verständnis und Respekt gegenüber der Vielfalt der religiösen Lebensäußerungen. Denn für ihn entspricht diese Vielfalt in sinnvoller Weise den unterschiedlichen menschlichen Temperamenten und kulturhistorischen Gegebenheiten. Sie macht zugleich auch die verschiedenen Schritte auf dem Wege  sichtbar, den der menschliche Geist in seiner Entfaltung gegangen ist.
 
"Die Sufi-Botschaft bringt kein neues Gesetz, sie erweckt in der Menschheit den Geist der Brüderlichkeit, welche einhergeht mit der Toleranz eines jeden gegenüber der Religion der anderen und mit der allseitigen Bereitschaft, die Fehler der anderen zu vergeben. Sie lehrt Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme, damit ein Leben in Harmonie geschaffen und erhalten werden kann; sie lehrt auch, zu dienen und sich wahrhaftig nützlich zu machen. Dann wird unser Leben auf der Erde Früchte bringen und uns in unserer Seele zutiefst befriedigen."

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts bildeten sich im Westen Orden nach sufistischem Vorbild oder Ableger traditioneller Sufiorden, die wie der des Hazrat Inayat Khan auch nicht-muslimische Mitglieder akzeptieren. Manche vertreten sogar einen Sufismus ohne jeglichen Bezug zum Islam, was man am ehesten als einen universellen Sufismus bezeichnen kann.

Dies führte dazu, dass sich immer mehr westliche Suchende der islamischen Mystik öffnen konnten, ohne zum Islam konvertieren zu müssen, obwohl nach den schon weiter oben erwähnten Grundsätzen aller traditioneller Orden und deren Sheikhs die Tariqa unbedingt auf den Grundlagen der Schari'a fußt. Nach Meinung der Anhänger des universellen Sufismus existiert diese Form der Mystik aber schon seit Bestehen der Menschheit, also auch schon länger als der geschichtliche Islam, weswegen sie den Sufismus nicht unbedingt allzu eng verknüpft mit dieser Religion sehen und ihn als eine weltumspannende Bewegung mit einer alle Religionen integrierenden Heilsbotschaft betrachten.

 

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