Eine Notfallseelsorgerin mit Piepser, Charme und Kopftuch

Eine Notfallseelsorgerin mit Piepser, Charme und Kopftuch

Die erste muslimische Notfallseelsorgerin Baden-Württembergs erzählt von ihren Einsätzen

Von Leonie Mielke (epd) Ev. Kirche – Landesdienst Südwest

Mannheim (epd). Taff, herzlich, entschlossen - so lässt sich Vesile Soylu beschreiben. Die Mannheimerin ist, nachdem sie ein Jahr lang hospitiert hat, seit Ende Oktober die erste muslimische Notfallseelsorgerin Baden-Württembergs. Inzwischen hat sie sechs Familien beigestanden, bei denen ein Angehöriger plötzlich verstarb - drei christlichen und drei muslimischen. "Für mich ist es nicht wichtig, an welchen Gott ein Mensch glaubt", sagt die 38-Jährige. Wenn ein Mensch trauere, sei sie für ihn da.

Für die Notfallseelsorge Mannheims, die seit 2003 von der Mannheimer Stelle für Feuerwehr und Katastrophenschutz organisiert wird, ist Vesile Soylu ein Glücksfall. Bislang bestand das zweiköpfige Bereitschaftsteam, das per Piepser an sieben Tagen die Woche 24 Stunden lang ausrücken kann, aus evangelischen und katholischen Ehrenamtlichen. "Es gab nie eine negative Äußerung von Angehörigen anderer Religionen", sagt Bernd Meyer, Verantwortlicher für die Notfallseelsorge. Aber es existierten Sprachprobleme und Berührungsängste, zudem trauern Menschen aus Orientkulturen anders.

"Wenn in unserer Kultur ein Mensch stirbt, kommen unmittelbar danach die Freunde und alle Bekannten, die das hören, um der Familie beizustehen", ergänzt Soylu, die türkische Wurzeln hat. Eine Erfahrung, die sie selbst gemacht hat, als ihr Schwiegervater verstarb. "Das ganze Haus war plötzlich voll mit Angehörigen, ich war nur damit beschäftigt, mich um alle zu kümmern und kam selbst kaum zum Trauern", erzählt sie. Muslimische Notfallseelsorger gab es damals noch nicht, aber Soylu dachte sich: "Irgendjemand muss doch was tun." Damals hatte sie bereits eine Ausbildung zur Islamischen Krankenhausseelsorgerin begonnen und entschied sich, im Anschluss daran noch zur Notfallseelsorgerin ausbilden zu lassen.

Alarmiert werden die Notfallseelsorger von der Feuerwehr, dem Rettungsdienst oder der Polizei, wenn in einem Notfall bei Betroffenen der Wunsch nach Reden, Beistand oder Beratung besteht. Soylu und ihre Kollegen leisten immer eine "Erste Hilfe". "Wir bleiben zwei bis drei Stunden, hören zu, stellen erste Überlegungen an, wie es weitergehen soll oder beten mit den Angehörigen, wenn der Wunsch besteht", sagt Soylu.

Ihren bislang schlimmsten Fall erlebte die vierfache Mutter, die neben ihren Muttersprachen deutsch und türkisch, auch noch englisch und arabisch spricht, in einem Flüchtlingsheim: Ein afghanischer Familienvater konnte nach einem Herzinfarkt nicht mehr reanimiert werden. "Der Tote war ein relativ junger Mann, der noch Nadeln von Rettungsdienst im Arm hatte. Er war blutverschmiert und alles war voll mit Erbrochenen." Soylu wischte erst einmal den Raum und säuberte den Verstorbenen. "Geht doch nicht, dass die Angehörigen ihn so sehen."

Den Anblick konnte sie noch gut verkraften, aber das Trauern der Familie habe sie an ihre Grenzen gebracht. "Die Mutter und die Schwiegertochter haben in einer Tour geschrien und sich selbst ins Gesicht geschlagen. Es war ganz schlimm." Soylu gelang es schließlich, die Frauen mit dem gemeinsamen Sprechen von arabischen Bittgebeten zu beruhigen.

 

Ein anderes Mal wurde sie zu einer streng katholischen Familie gerufen, in der der Vater ebenfalls an einem Herzinfarkt verstorben war. "Die Ehefrau stand zuerst nur da. Sie konnte ihre Trauer nicht zeigen, noch nicht einmal weinen", erinnert sich Soylu. Später fing die Frau dann an zu reden. Wie ihr Mann gestorben war und was sie denn jetzt tun solle. Dass sie nicht so viel Geld habe und wie sie die Beerdigung finanzieren solle. Soylu beruhigte sie und informierte sie über Anträge zur finanziellen Unterstützung, die sie bei Ämtern einreichen könnte.

Und was ist, wenn muslimische Männer trauern? Darf man sie mit einer Umarmung trösten? "Nein", sagt Soylu. "Ich zumindest mache das nicht." Als gläubige Muslima habe sie keinen Körperkontakt zu Männern, mit denen sie eine Beziehung eingehen könnte. "Aber Jugendliche und alte Männer darf ich herzen", sagt sie und lacht. (0014/03.01.2017)

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